Paßstück zwischen zwei Egos

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Paßstück zwischen zwei Egos
22. 08. 2011
Dietrich Roeschmann

Jürgen Oschwald und Marco Schuler haben die Staufener Galerie Fluchtstab in den Flugmodus befördert.

Kunst ist immer eine Frage von Entscheidungen. Und sei es die Entscheidung, das Entscheiden zu delegieren. Zum Beispiel an einen guten Freund. Marco Schuler und Jürgen Oschwald sind Freunde. Und sie sind Künstler. In der Regel macht jeder sein eigenes Ding. Der eine untersucht die Grenzen seines Körpers im Widerstand gegen die Welt, um herauszufinden, aus welcher Materie ein Zustand wie das Leben besteht. Der andere steckt die Dinge, die dieses Leben so abwirft, zusammen, um zu sehen, wann Materie in Poesie umschlägt. Und dann haben die beiden irgendwann gemerkt, dass da etwas passt. Ein ähnlicher Blick auf die Dinge, ein Einverständnis darüber, wie aus diesen gefundenen Dingen Kunst werden kann, und dass vier Augen mehr sehen als zwei. Da ist zum Beispiel dieses alte, verbogene Rohr, das Schuler und Oschwald vergangenes Frühjahr im Vorfeld ihrer Ausstellung im elsässischen Selestat fanden: sie haben ein wenig damit rumhantiert, sich gefragt, was man damit machen könnte, und dann kam ihnen die Idee mit den zwei Besen, die sie an den Rohrenden montierten. Typisch Oschwald, könnte man sagen. Eine Slapstick-Skulptur nach dem Kippenberger-Motto „Heute denken, morgen fertig“ – witzig, absurd, auch ein bisschen albern. Doch am Ende ist dieser Doppelbesen mehr als das. Ähnlich wie die legendären „Paßstücke“ von Franz West befragt er die Grenze zwischen Skulptur und Gebrauchsgegenstand, zwischen Objekt und Körper, und das, was ihre Konfrontation hervorbringt. Die Antwort liefern die beiden in einem Video, das wiederum wie eine typische Schuler-Arbeit daherkommt: Sie nehmen das unhandliche Objekt als Werkzeug ernst und versuchen damit gemeinsam die Galerie auszufegen. Das Scheitern dieses berserkerhaft angegangenen Vorhabens hinterlässt deutliche Spuren an den Galerienwänden – Kratzer, Schrammen, Dellen –, die anschließend wie Trophäen in Rahmen hinter Glas präsentiert werden. Ein Videostill dieser Gemeinschaftsarbeit, das die Künstler wie auf dem unscharfen Pressefoto eines Eishockey-Turniers in der Galerie herumtoben zeigt, dient ihnen wiederum als Vorlage für eine Edition, für die sie – nun in der Rolle als Maler – den Bewegungsablauf in immer neuen zeichnerischen Kürzeln durchdeklinieren und damit die Fotografie überschreiben.

Das utopische Potenzial, das in diesem kollaborativen Arbeiten steckt, ist in ihrer aktuellen Ausstellung in der Staufener Galerie Fluchtstab förmlich greifbar. Zu sehen sind die Resultate eines kalkulierten Kontrollverlusts, der in der Materialwahl auf den Zufall des Findens und im künstlerischen Prozess auf die freie Assoziation vertraut. Die Grenzen zwischen dem, was man bei Schuler und Oschwald „sculpture automatique“ nennen könnte, und der Performance-Kunst sind fließend. Jedes ihrer Objekte, jede Installation wirkt wie das Form gewordene Ergebnis eines Rituals, und nicht zufällig haftet vielen ihrer Arbeiten etwas Fetischhaftes an. So wird aus einer Stuhllehne und einem Metallrohr ein tiefseefischartige Maskenobjekt, eine gefaltete Eisentafel, auf der früher Kinder geschrieben haben, mutiert zu einer Origami-Skulptur, die an ein Kampfflugzeug erinnert. Ein Putzschwamm, in den Schuler und Oschwald drei Pinsel gebohrt haben, krönt ein grob aus Styropor geschnitztes Schädelfragment, und die Schöne, die sich als nackte Freiheitsstatue in Kreuzigungshaltung an einer hoch aufragenden Latte räkelt, trägt einen aus Pappe geschnittenen Totenkopf-Helm, der jedem Wrestler gut zu Gesicht stehen würde. Auffallend ist, wie gut sich in diesen absurden Assemblage-Objekten Schulers Humor und Oschwalds Poesie vertragen. Vordergründig geht es dabei natürlich immer auch um die Behauptung, dass man sich ganz ohne Worte versteht – eben so, wie es nur die wahre, die tiefe, die echte Männerfreundschaft erlaubt. Tatsächlich steht hier jedoch etwas anderes im Zentrum. Mit ihrer Strategie des gegenseitigen Beobachtens, Agierens und Reagierens entwerfen Marco Schuler und Jürgen Oschwald in ihren aktuellen Arbeiten ein äußerst produktives Künstlersubjekt, das mit vier Händen jede Gelegenheit ergreift, die Überschüsse seiner beiden Egos in extrem unterhaltsame, kurzweilige und auf wunderbar selbstverständliche Weise zärtliche Bahnen zu lenken.


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